Warum Sicherheit in der Finanzindustrie nicht auf Kosten des Mitarbeiter-Engagements gehen darf

Blaise Radley
Warum Sicherheit in der Finanzindustrie nicht auf Kosten des Mitarbeiter-Engagements gehen darf

Am 12. Oktober machte Julia Hoggett eine Aussage bezüglich der Finanzindustrie und der Notwendigkeit, mehr Sicherheit bei der Arbeit der Mitarbeiter von zu Hause zu bieten. Als Director of Market Oversight der Financial Conduct Authority (Finanzmarktaufsichtsbehörde des Vereinigten Königreichs) haben ihre Worte berechtigterweise Gewicht und die Sicherheitsbedenken der FCA bezüglich der mobilen Arbeit sind gerechtfertigt. Dennoch sind sie nur die halbe Wahrheit.

Die Coronavirus-Pandemie hat dazu geführt, dass sich das Arbeiten von zu Hause von einer reinen Möglichkeit zur Normalität entwickelt hat. Nirgends hat mobiles Arbeiten größere Auswirkungen gehabt als in der Finanzindustrie. Von allen Branchen, die Peakon zwischen Januar und Juli 2020 für unseren COVID-19 Impact Report befragt hat, sah die Finanzindustrie mit einem 4-prozentigen Zuwachs den größten Anstieg im Mitarbeiter-Engagement. Damit verzeichnet sie doppelt so viel wie der weltweite Durchschnitt von 2 %.

Diese Verbesserung führt zur Frage: Warum fühlen sich die Mitarbeiterinnen der Finanzindustrie motivierter und zufriedener und in welchem Zusammenhang steht das zu den Bedenken um die Sicherheit in dieser Branche?

Mitarbeiter-Engagement und Autonomie

Der Anstieg der Engagement-Werte in der Finanzindustrie wurde vor allem durch eine große Änderung ausgelöst: die Möglichkeit, von zu Hause zu arbeiten. Die Mitarbeiter der Finanzbranche bewerteten ihre Arbeitgeber im Juli um 17 % besser in den Bereichen Autonomie und flexibles Arbeiten als noch im Januar. Für eine Branche, die seit jeher zu den am schlechtesten bewerteten Sektoren in Bezug auf die Work-Life-Balance zählt, hat die Pandemie eine positive Entwicklung diesbezüglich gebracht.

Es lässt sich nicht leugnen, dass Datensicherheit sehr wichtig ist. Allerdings ist das der einzige Bereich, der betrieblicher Aufsicht unterliegen sollte. Einige Arbeitgeber der Finanzbranche nutzen allerdings Möglichkeiten zur Überwachung, die darüber hinaus gehen. Mit diesen zielen sie eher darauf ab, die Produktivität zu überprüfen und nicht nur die Datensicherheit. Unsere Daten zeigen, dass das ein Fehler ist.  

(Financial Services employees polled by Peakon, January-July 2020)

Arbeitnehmer arbeiten am besten, wenn ihnen Vertrauen entgegen gebracht wird. Wenn ihnen vertraut wird, steigt ihr Mitarbeiter-Engagement. Damit diese neuen Sicherheitsmaßnahmen nicht die gerade erst gestiegenen Engagement-Werte aushöhlen, müssen wir zunächst verstehen, warum die Finanzindustrie in der Vergangenheit Probleme hatte, für höhere Engagement-Werte in den Organisationen zu sorgen.  

Die Probleme mit dem Mitarbeiter-Engagement in der Finanzindustrie

Die Finanzbranche ist riesig. Sie beeinflusst jede Region der Welt. Sie hat traditionellerweise eine der schlechtesten Gleichgewichte zwischen den Privat- und Berufsleben der Mitarbeiter. Mit mehr als 1,1 Millionen Angestellten allein im Vereinigten Königreich und einem prognostizierten weltweiten Marktwert von 26,5 Billionen US-Dollar im Jahr 2022 ist es essenziell zu verstehen, wie sich das Mitarbeiter-Engagement der Mitarbeiterinnen der Finanzindustrie verbessern lässt.

Woher kommt dieses hohe Stressniveau? Nun ja, 93 % der Mitarbeiter des Bankwesens geben an, immer, häufig oder manchmal über ihre vertragliche festgelegten Stunden hinauszuarbeiten. 92 % von ihnen sagen, dass sie diese Überstunden unbezahlt leisten. Fehlende Anerkennung und fehlendes Verständnis ist der Grund dafür, dass die Finanzbranche eine der höchsten Raten an Fehlzeiten aufgrund psychologischer Probleme hat.

Diese Probleme lassen sich nicht durch stärkere Überwachung oder die reine Verringerung der Arbeitsstunden lösen. Es ist eine Frage von Empathie und eine Frage des Mitarbeiter-Engagements.

Die Total Economic Impact™ Studie, die Forrester Consulting im Auftrag von Peakon durchgeführt hat, fand heraus, dass Peakon-Kunden Fehlzeiten im zweiten Jahr um einen Tag und im dritten Jahr um zwei Tage reduzieren konnten. Das zeigt, dass Fehlzeiten nicht durch eine einzige Aktion reduziert werden können. Vielmehr sind sie ein Symptom tiefer liegender Engagement-Probleme. Diese Probleme verlangen einen nuancierten Ansatz, statt gesteigerte Überwachung der Produktivität.

Das Mitarbeiter-Engagement während der Pandemie verbessern

Bei Peakon haben wir 14 Faktoren am Arbeitsplatz identifiziert, die das Mitarbeiter-Engagement beeinflussen. Jeder dieser Faktoren repräsentiert einen Aspekt des Arbeitsalltags, sei es die Beziehung zu den Kollegen oder die Möglichkeiten für persönliche Weiterentwicklung. Doch welche Faktoren haben am meisten zur Verbesserung des Mitarbeiter-Engagements von 4 % in der Finanzbranche beigetragen?

Produktivität ist nicht in Stunden messbar, die für ein Projekt oder am Bildschirm verbracht werden. Wenn solche Aspekte überprüft werden, läuft man Gefahr, Erwachsene wie Kinder zu behandeln.

Peakon

Der Hauptgrund für diese Verbesserung kam wie bereits erwähnt von der neu gewonnenen Möglichkeit, von zu Hause arbeiten zu können. Obwohl sich die Bewertungen in jeder Branche um durchschnittlich 10 % verbessert haben, verzeichnete die Finanzindustrie eine Anstieg um 17 %. Selbst vor der Pandemie war mobiles Arbeiten bereits zu einem heiß diskutierten Thema geworden. In unserem Employee Expectations Report 2020 haben wir herausgefunden, dass 99 % aller Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gern teilweise von zu Hause arbeiten würden.

Die Auswirkungen von COVID-19 wurden auch an anderer Stelle sichtbar. Die Auswirkungen der Arbeitsumgebung auf die eigene Produktivität wurde um 7 % besser bewertet (weltweit gab es einen Anstieg von 6 %). Das alleine zeigt noch einmal mehr, welchen großen Einfluss das mobile Arbeiten hat. Die Angestellten waren nicht nur positiver gegenüber mobilem Arbeiten eingestellt, sondern diese positive Einstellung hat sich darüber hinaus auch positiv auf ihre Arbeit ausgewirkt.

In Anbetracht dessen, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nun noch weniger Trennung zwischen Berufs- und Privatleben haben, nun häufig in provisorischen Büros oder schnell umgemünzten Schlafzimmern arbeiten, zeigt die Steigerung der Werte deutlich, wie wichtig ihnen diese Freiheit ist. Diese Bedeutung von Autonomie für die Mitarbeiterinnen in der Finanzindustrie muss ein Wegweiser dafür sein, wie Arbeitgeber ihre Angestellten künftig kontrollieren. 

Die Empfehlungen der britischen Finanzaufsichtsbehörde für die Überwachung der Mitarbeiter

In einer Zeit, in der Daten zugänglicher denn je sind und genauso leicht verloren gehen können, ist Sicherheit oberste Priorität. Das ist der Hintergrund für die Aussagen von Julia Hoggett, Director of Market Oversight der Financial Conduct Authority:

„Wir erwarten, dass das Arbeiten im Büro und von zu Hause gleichgestellt werden sollte. Neue Herausforderungen, darunter wie der Informationsfluss innerhalb eines Unternehmens aber auch extern gesteuert werden kann, könnten sich in diesen Zeiten auftun.”

„Als ursprünglich Regelungen des Social Distancing in Büros in Kraft traten, war es für manche Firmen sehr schwierig, den räumlichen Abstand zwischen den Angestellten zu gewährleisten und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass Informationen für sie vorgesehene Bereiche nicht verließen. Zu Hause ist das genauso wichtig. Dort müssen Informationen von Lebensgefährten oder Mitbewohnerinnen ferngehalten werden.”

(1,500 Banking industry employees polled by Morgan McKinley, 2019)

Hoggetts Bedenken werden von vielen Unternehmen geteilt, die hohen Sicherheitsanforderungen gerecht werden müssen. Vor allem im Bankwesen, wo Cyberangriffe jedes Unternehmen 18,3 Millionen US-Dollar jährlich kosten. Obwohl es in diesem Jahr mit seinen nie zuvor dagewesenen Umständen mehr Spielraum gab, wurden mittlerweile verstärkte Sicherheitsmaßnahmen eingerichtet. Die Gefahr ist, dass die Überwachung im Zeichen von Sicherheit auf Kosten des Mitarbeiter-Engagements geht.

Kontrolle vs. Mitarbeiter-Engagement

Obwohl überprüft werden muss, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Sicherheitsvorschriften einhalten, muss die Problematik ganzheitlich betrachtet werden — Vertrauen darf dabei nicht außer Acht gelassen werden. Wie Hogett in ihrem Statement sagt:

„Obwohl sehr früh in der Pandemie Situationen auftraten, in denen das übliche Sicherheitsniveau nicht geboten werden konnte, haben die meisten Unternehmen nun jedoch diese Hürden überwunden.” 

Bei Überwachung und Kontrolle geht es nicht nur um interne Sicherheitsvorkehrungen. Es schafft auch eine Atmosphäre des Misstrauens. Wenn Unternehmen diese Maßnahmen verstärkt einsetzen, riskieren sie dabei die Fortschritte, die im Bereich Mitarbeiter-Engagement in diesem Jahr gemacht wurden. Das trifft insbesondere zu, wenn diese Maßnahmen oft genug weit über die Empfehlungen der FCA hinausgehen.

Unabhängig von den Umständen ist Kontrolle notwendig, um den Anforderungen der FCA gerecht zu werden. Was sollten Unternehmen also tun? Die Antwort heißt: Transparenz. Kontrollinstrumente sind gut für die Betriebsabläufe, aber schlecht für die Arbeitsmoral der Belegschaft. Deshalb sollte klar kommuniziert werden, wofür jedes Tool eingesetzt wird und wie diese Sicherheitsmaßnahmen nicht die Autonomie jeder einzelnen Mitarbeiterin mindern. Mitarbeiter, denen Vertrauen entgegengebracht wird, sind ein größerer Gewinn für das Team als jeder Datensatz der Welt.

Es ist essenziell, dass Kontrolle nicht zu einer Maßnahme wird, um die Mitarbeiterinnen genauer zu überwachen, sondern nur eine Sicherheitsvorkehrung bleibt. Produktivität kann nicht in Stunden an einem Projekt oder vor dem Bildschirm gemessen werden. Wenn solche Kennzahlen überprüft werden, läuft man Gefahr, Erwachsene wie Kinder zu behandeln. Stattdessen ist die aussagekräftigste Kennzahl für die Produktivität das Mitarbeiter-Engagement. Wenn Sie mehr dazu erfahren möchten, wie Peakon Ihnen helfen kann, das Mitarbeiter-Engagement in Ihrem Unternehmen zu messen und zu verbessern, buchen Sie noch heute eine Demo mit unserem Team.

Autor - Blaise Radley